(Schreiberisch ist das spannend, weil ich als die, die Geschichte erfindet, hier einiges mehr weiß als das Ich, das die Geschichte erzählt. :)
Ich weiß nicht,
warum die Eltern von Ina (wo Annabelle aufgewachsen ist, weil Ina einfach zu
unstet war, immer wieder wo anders wohnte oder soll ich sagen: bei wem anderen
wohnte) schon das Baby „unser kleines Kuckuckskind“ genannt haben. Ob Ina damit
angefangen hatte? Oder ihre Mutter? Der Vater sicher nicht, der war mit seinen
Gedanken immer wo anders. Bekifft in den Wolken oder mit irgendeinem Werkzeug
in der Hand bei seinen Steinblöcken. Böse haben sie das nicht gemeint, in der
Ebenbauerwelt war es eher eine Ehre, ein Kuckuckskind zu sein, glaube ich. Und
Annabelle hat doch auch perfekt in diesen Haushalt gepasst mit ihren ganzen Zeichnungen
und Bildern und Ideen. Und sie hat ja auch dieselben wasserblauen Augen wie Ina
und Georg. Aus der Art geschlagen ist doch vielmehr Georg: ein
Politikwissenschaftsstudium und dann politischer Analyst. Das passt doch gar
nicht in so einen Künstlerhaushalt, finde ich. Aber es passt zu Georg, der deshalb
doch auch so gut zu mir gepasst hat. Gepasst hätte. Der mich verpasst hat oder
ich ihn. Vergiss es. Denken wir an Annabelle. Ja, sie hat die Statur ihres
Onkels, aber sonst schaut sie wirklich anders aus. Vor allem die dichten, dunklen
Haare, die keiner in der Ebenbauerfamilie hat, müssen von ihrem unbekannten Vater
kommen. Ihrem unbekannten griechischen Vater. Ich habe ihn damals ein paar Mal gesehen,
Ina und ich haben die Burschen auf unserer Maturareise in einer Strandbar kennengelernt.
Aber ich hatte ja Georg. (Genau genommen glaubte ich, Georg zu haben – ja doch,
Präzision kann weh tun. Lassen wir das.) Nie im Leben hätte ich ihn betrogen. Aber
Ina ist oft viel später als ich vom Strand ins Zimmer zurückgekommen und hat
mir dann was über griechische Verhältnisse erzählt, wobei ich eigentlich vermutet
hätte, dass sie wenigstens verhütet. Nun ja, Ina halt, und typisch Ina hat sie dann
auch nie versucht, Annabelles Vater ausfindig zu machen. Weder als sie herausgefunden
hat, dass sie schwanger ist, noch als Annabelle auf der Welt war. Damals hätte
man ihn vielleicht noch finden können. Aber Annabelle hat dann auch nie nach ihrem
Vater gefragt, sie sei mit ihrem Großvater und ihrem Onkel zufrieden gewesen. „Meine
Valenzen waren besetzt“, hat sie viel, viel später gesagt, als sie bei mir am
Küchentisch gesessen ist, ganz die Medizinstudentin im ersten Semester. Chemie.
Und auch jetzt habe sie nur eine einzige Männer-Valenz frei und die spare sie sich
lieber für den Mann ihres Lebens auf, hat sie gesagt und gelacht, als ob sie zu
hundert Prozent wüsste, dass dieser Mann im genau passenden Moment auftauchen und
den leeren Platz besetzen würde. Dass sie sich deshalb auch in aller Seelenruhe
ihrem Studium widmen könne, hat sie gesagt und sich wieder über ihre Bücher und
Mitschriften gebeugt. Ja, Annabelle fehlt mir sehr.
Warum denn kompliziert, wenn es doch so einfach sein kann. :--)
AntwortenLöschenIch blicke zwar nicht ganz durch, aber das ist im Leben doch immer so...
Einen lieben Gruss über die Frühsommerfelder,
Brigitte
Die Geschichte wird ja immer komplexer, da kann man nur aus den Ausschnitten heraus nicht mehr alles nachvollziehen. Einen Eindruck gibt es aber hoffentlich trotzdem.
LöschenLiebe Grüße und Danke fürs "Begleiten"! Andrea