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Hermann holt aus

Hermann holt aus: die Hintergründe des Kriegs in der Ukraine, Amerika, die Hintergründe der Balkankriege in den Neunzigern. Die Wurzeln im ersten Weltkrieg. Ich erinnere mich plötzlich, dass Hermann auch früher schon ausgeholt hat und das nicht nur ein Mal. Zumindest hat mir das Ina erzählt, als sich seine Frau eines Tages von ihm getrennt hat. Wobei ich mir das gar nicht vorstellen kann – also das mit dem So-Richtig-Ausholen –, weil Hermann doch eh so ein Harmloser ist. Einer, der redet und nicht zuschlägt. Während er vom Hundertsten ins Tausendste kommt, stelle ich mir vor, wie er zuhaut. ‚Vom hundertsten zum tausendsten Schlag‘, denke ich. Seine Frau hätte das eh lang mitgemacht, weil er sonst ja einer von den Guten gewesen ist und sie sich doch auch so viel aufgebaut hatten. Ein ganzes Haus! Und weil er sich – wie man das ja schon oft gehört hat  – auch jedes Mal entschuldigt hätte, zerknirscht und voller Scham. Ina wusste das alles bis ins letzte Detail, weil sie mit seiner Frau befreundet gewesen ist. Sogar sehr gut befreundet gewesen ist, und trotzdem habe sie ihr nie etwas davon erzählt. Aber irgendwann hat sie einfach nicht mehr anders können, da hat sie es einfach jemandem erzählen müssen (schon allein wegen den ganzen Flecken), und das war Ina, und dann hat sie gar nicht mehr mit dem Erzählen aufhören können. Hat mir Ina erzählt. „Und da sind mir die Augen aufgegangen über Hermann“, hat sie zu mir gesagt und diesen Blick aufgesetzt, der mir sagen soll, dass sie jetzt etwas extrem Bedeutsames gesagt hat. Ich kann diesen Blick nicht leiden. Er macht mich misstrauisch. Irgendwas habe ich verpasst, denn Hermann ist jetzt plötzlich beim Fußball und damit bei seinem Lieblingsthema (und ich am Ende meiner Geduld) angekommen. „Hermann, mein Schatz“, sage ich, „willst du uns nicht erst einmal was zum Trinken bringen?“ Ich verbringe den freien Tag in seinem Garten, sitze unter dem Sonnenschirm und überlege, ob das Licht, das durch den roten Stoff fällt, mein Gesicht rot einfärbt. Als ob ich mich schämen würde. Weil ich Hermanns Gutmütigkeit ausnütze? Gutmütigkeit, dass ich nicht lache. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und Hermann erst recht. Wie er so auf mich zukommt, den Krug in der einen und die Gläser in der anderen Hand und mit einem freundlichen Lächeln, kommen mir Inas Geschichten unwirklich vor. „Wer nicht hören will, muss fühlen!“, hat Ina gesagt, als sie mitbekommen hat, dass ich mich mit ihm treffe. Er war damals ja komplett am Boden, er hat mir leidgetan. Ich würde schon sehen, wohin das führt, wenn ich mich mit so einem einlasse. ‚Ich bin doch nicht blöd‘, denke ich und schaue Hermann freundlich entgegen., ‚Das führt nirgendwo hin.‘

 

 


 

Kommentare

  1. Das Leben ist unergründlich, denke ich und erinnere mich an ähnliche Geschichten.
    Apropos Geschichten: Dein Buch ist am Pfingstsamstag bei mir eingetroffen!!! Und weil kurz danach das internet - wohl wegen eines Blitzeinschlags - schlapp machte und erst heute neu eingerichtet werden konnte, hatte ich viel Zeit, in deinen virtuos geschriebenen und authentischen Erinnerungs-Texten zu lesen, in denen auch meine ähnlich verlaufende Kindheit immer wieder vertraut aufblitze.
    Noch gut ein Drittel deiner schönen Kurzprosa wartet auf mich. Und ich freue mich darauf.
    Nun muss ich aber zuerst das Verpasste in den Blogs nachlesen und die Mail-Ordnung wieder herstellen. :--)
    Einen herzlichen Gruss,
    Brigitte

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    1. Vielen Dank, liebe Brigitte, für deine so schönen Worte zu meinem Buch! Darüber freue ich mich sehr. :) Und ich freue mich, dass du wieder "da" bist! Ich hatte dich schon auf einem Spontanurlaub vermutet!
      Liebe Grüße, Andrea

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