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Schwedenplatz (Ausschnitt)

Ob die Frau neben mir einfach nur laut vor sich hin schimpft oder sich per Handy mit jemandem unterhält oder ein Gedicht rezitiert, kann ich aufs Erste gar nicht sagen. Ich kann nur einzelne Worte verstehen, genau genommen verstehe ich nur ein Wort, nämlich „Wollust“. Erst habe ich geglaubt, dass ich mich verhöre, weil doch kein Mensch einfach so „Wollust“ sagt, aber sie sagt es immer wieder. Nein, sie sagt es nicht, sie ruft es, den Kopf trotzig (?), rebellisch (?) in den Nacken geworfen, mehrmals und immer besonders laut und auch sehr deutlich in eine (wie ich glaube) von ihr extra imaginierte Runde. Der Rest der Worte geht in dem aufgeregten Singsang und im Herumschreien der zahllosen Kinder und ihrer Lehrer und Lehrerinnen, die die Bänke vor dem Eissalon bevölkern, unter. Es war ein Glück, dass ich noch einen freien Platz im Schatten gefunden habe. Ich bin erschöpft von der Hitze und den Untersuchungen, ich will mich nur noch ein wenig ausruhen, bevor ich wieder ins Büro fahre. Die Frau neben mir zündet sich umständlich eine Zigarette an und beginnt plötzlich zu lachen. Erst leise, wie zur Probe, dann aber immer lauter und schließlich mit derselben wilden Wut, mit der sie auch an der Zigarette zieht, die dann jedes Mal aufglüht wie die Frau selbst. Sie lacht immer lauter und immer häufiger, als ob sie mit diesem Lachen ihr wildes Schimpfen noch übertrumpfen wollte, bis das Lachen schließlich die Überhand über das Schimpfen gewinnt – und über die Frau und auch über die Bank, an deren anderen Ende ich sitze. ‚Ich sitze auf den Erschütterungen einer fremden, ziemlich sicher ziemlich verrückten Frau und dann habe ich auch noch den Geruch ihrer Zigarette in der Nase‘, denke ich und merke mit Verwunderung, dass mich weder das eine noch das andere stört. Sie nimmt übrigens keinerlei Notiz von mir, wie sie überhaupt von nichts um sich herum Notiz nimmt. Nach wie vor scheint sie sich nur von diesem Publikum umgeben zu fühlen, das im Halbkreis vor der Bank steht. Denn während sie den Zigarettenrauch ausstößt, schaut sie jedes Mal einen deutlich erkennbaren Halbkreis in die Luft, und das tut sie so intensiv, dass auch ich auf einmal Gestalten herumstehen sehe, die starr wie Wachsfiguren auf diese verrückte Frau auf der Bank starren.

 



 


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Save The Date: Herbsttermine

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Textbesprechung - Idee & Angebot

Ich habe das unlängst gemacht und es hat mir (und auch der Autorin, deren Text ich durchgesehen habe) Freude gebracht und ich habe auch viel gelernt dabei, deshalb möchte ich das auch hier einmal anbieten:  Ich schaue mir Texte an und kommentiere sie  + wenn es sich um epische Texte handelt + wenn sie bis zu 500 Wörter umfassen (kann aber auch ein Ausschnitt sein) + wenn der Verfassen / die Verfasserin mit Kritik umgehen kann (wichtig!) + und natürlich wenn ich Zeit habe und mich der Text irgendwie anspricht Ich würde dann Text und Besprechung hier einstellen - auf Wunsch auch ohne Nennung des Verfassers/der Verfasserin -, weil ich an solch konkreten Beispielen am deutlichsten zeigen kann, was (nach meinem Dafürhalten) gute Texte ausmacht. Texte / Textausschnitte gern an: aheinisch (at) aon.at Liebe Grüße, Andrea