Es ist immer noch
mein Jugendzimmer, es ist immer noch mein Jugendzimmerbett und vor dem Fenster steht
immer noch der Jungendzimmerschreibtisch, an dem ich gelernt und meine Hausübungen
gemacht habe. Wo ich aber viel lieber aus dem Fenster in den Obstgarten
hinuntergeschaut habe, als ob ich dort Antworten finden könnte. Oder Auswege. Unten
klappert meine Mutter, es riecht schon nach dem Mittagessen. Es wird Hirsch
geben, den hat der Edi geschossen, erinnerst dich noch, ja, ich erinnere mich.
Mit dem ist der Vater jagen gegangen. Ja, ich erinnere mich. Ich habe ihm gern
zugehört, wenn er erzählt hat, dass der Wald so zeitig in der Früh ganz anders
ist als unterm Tag. Wie verwunschen. Das Scheppern in der Küche wird lauter, sie
deckt schon den Tisch. Ich sollte endlich aufstehen. Es ist gleich Mittag, gleich
wird die Sirene losheulen wie an jedem Samstag um Punkt zwölf. Da wird der
Ernstfall geübt. Geübt? Ich denke an den Heinrich, der sich aufgehängt hat, und
die Tochter von der Wasnerin, die soll im alten Löschteich ersoffen sein. Einfach
so ersoffen sein, heißt es, und deshalb ist die Wasnerin jetzt halt ein bissl
deppert. Das muss man verstehen. Und der Joschi hat die Kurve nicht mehr
erwischt und ist dann ganz grauslig an einem Baum gepickt. Der hat mitsamt
seinem BMW den Baum umarmt, der hat sich derstessen, weil er aber echt auch ordentlich
was wegsaufen hat können. G‘scheiter hätten sie dem den Führerschein nicht mehr
zurückgegeben. Und dem Basser Erich ist das Herz während dem Heu-Einführen stehen
geblieben, da hat auch der Notarzt nichts mehr machen können, obwohl der sogar
mit dem Hubschrauber gekommen ist. In meinem Dorf sterben sie wie die Fliegen. Jede
Menge Ernstfälle, aber wie Eintagsfliegen haben sie in meinem Dorf kein Gedächtnis.
Weil die genau wie die Fliegen auch hundert Mal gegen die Fensterscheibe
fliegen, wieder, immer wieder, wie nach einem geheimen Ablaufplan. Sie haben
kein Gedächtnis, aber an den Plan erinnern sie sich. Da vergessen sie nichts, sie
erinnern sich an jeden Vorfall, an jedes Datum und an jeden Brauch, auch wenn
ihnen der Schädel noch so brummt. Da wird nichts vergessen: kein festlicher Umzug,
kein Kirtag, kein Krieg. Ganz klar gibt es auch in meinem Dorf ein Kriegerdenkmal
und den Kameradschaftsbund für unsere gefallenen und vermissten Kameraden, es
gibt das Kirchenjahr, es gibt das Maibaumaufstellen und den Adventmarkt von den
Bäuerinnen. Es gibt das Feuerwehrfest und das Sportfest. Alles ist voller Erinnerungen,
aber ohne Gedächtnis. „So ein Dorf ist wie eine Verbotszone. Eine Gedächtnis- und
Schmerzverbotszone“, habe ich einmal zu Ina gesagt. Und sie: „So ein Dorf ist ein
Sozialknast, sonst nichts.“ Sie hat das gesagt, sie hat das sagen müssen, weil
sie damals immer noch (oder sollte ich sagen: wieder einmal) dort gewohnt hat. Und
ich weiß natürlich, was sei meint, weil ich lang genug in dem Dorf gewohnt
habe. Weil ich das Mensch vom Herrn Doktor gewesen bin und weil ich eine Mutter
gehabt habe, die geglaubt hat, dass sie was Besseres ist. Da kann man den Herrn
Doktor schon auch verstehen. Bei der Frau. Und man hat ja eh gesehen, was dabei
herausgekommen ist. Ich. Ein Jahr lang praktisch verschwunden und dann diese
Hochzeit. Hat natürlich eh nicht gehalten. Sehr komisch das alles und sie haben
das eh schon von Anfang an gewusst. Usw., ja, ich kenne mein Dorf. Ich kenne
mein Dorf auswendig. Und inwendig kenne ich es auch, weil ich dort mein Kind empfangen
und verloren habe. Ein Dorfkind wäre es geworden wie ich. „Gut so“, habe ich zu
ihm gesagt, als es vier Monate vor der Zeit die Abkürzung genau durch meine
Mitte genommen hat, „das ist das Beste, das du machen kannst.“ Es war keine
stille Geburt, was für ein Euphemismus, es war eine stumme Geburt. Mein Kind war
stumm, als es mich auf diesem schmerzhaftesten von allen Wegen (dem Weg ohne
Umweg) verlassen hat, und ich war stumm. Ich habe noch nicht einmal geseufzt. Und
dann wollte ich kein Kind mehr. Kein Dorfkind und später dann auch kein Stadtkind.
Mit dem ich dann in irgendeinen Park gehen, ihm beim Schaukeln zusehen und in
der Sandkiste nach feuchtem Sand graben hätte müssen, damit der Kuchen nicht
sofort nach dem Umstülpen der Förmchen auseinanderläuft, und rundherum toben
tausend andere Kinder und meines, mein erstes, ist nicht dabei. Ist nie dabei,
wird nie dabei sein. Ist nie irgendwo dabei gewesen. Die im Spital haben damals
gemeint, dass ich es begraben soll, also richtig mit Begräbnis und allem Drum und
Dran. Die Spitalspsychologin hat gesagt, dass das gut für mich wäre. Aber ich
wollte das nicht. Kein Begräbnis, kein Schmerz.
. Aus irgendwelchen Gründen kann ich hier keine Fotos mehr hochladen. So habe ich einen neuen Blog gestartet, wobei ich mich dort noch ganz schön herumplage ... Aber hier: Andrea Heinisch, der Blog – Fotos, Texte und Neuigkeiten von Andrea Heinisch (wordpress.com) geht es weiter! Davon abgesehen bin ich jedoch wie jeden Sommer ohnehin schwer beschäftigt: Nach den ganzen Beeren müssen nun Tomaten, Gurken, Zuccini, Paprika, Lauch, ... verarbeitet werden, und Besuch findet sich hier auf unserem Hof ja auch immer wieder ein. Alles andere muss dazwischen passieren. :) Liebe Grüße, Andrea

Kommentare
Kommentar veröffentlichen