Aufstehen und
dann sollte alles anders sein. Ich ging also hinüber zum Spar und fragte, ob ich
anfangen könne. Am besten gleich morgen. Meinem Vater hat es die Rede
verschlagen und von meiner Mutter bekam ich die letzte Ohrfeige meines Lebens. Von
meiner verkrachten Existenz war die Rede und wofür sie das alles getan hätte. Ihr
Leben lang. Alles habe sie für mich getan, ihr Leben lang habe sie einfach
alles für mich getan. Alles. Das sagte sie so oft, dass sich in mir die Vermutung
auftat, dass auch sie irgendein Geheimnis mit meinem Vater hatte. Ich schaute
zu ihm, aber er verzog keine Miene. Er stand wie bei der Eröffnung meiner Spar-Pläne
einfach nur da und schüttelte den Kopf. „Du bist ja vollkommen blödsinnig geworden“,
sagte er schließlich, drehte sich um und ging in die Ordination. Im Gegensatz
zu meiner Mutter ahnte er wohl, dass alles, angefangen von meiner einjährigen völligen
Untätigkeit bis zu dem Entschluss nicht zu studieren, sondern beim Spar
anzufangen, mit Georg zu tun hatte, weswegen er ihn hasste, genau genommen hasste
er die ganze Ebenbauersippe, seit ich damals mit Ina aus Griechenland
zurückgekommen war. Ja, mein Vater hatte Antennen für alles Mögliche, das mit
mir zu tun hatte, das muss man ihm lassen, wo es meiner Mutter nur um meine Zukunft
ging und sonst um nichts. Meine Zukunft als Ärztin natürlich und nicht als
eine, die Regale einräumt, Flaschen vom Band herunternimmt und in
Getränkekisten verstaut, die faulig gewordenes Obst aussortiert, mit einer
Wischmaschine zwischen der Kundschaft herumfährt und später vielleicht an der
Kasse sitzt. Und dazwischen im Pausenraum sitzt und dort ein Cola trinkt, weil
es ihr den Kreislauf fast zusammengehaut hat. Ich war nach dem Jahr halt nichts
mehr gewöhnt. Ganz oben auf der Leiter zu stehen, um einen Karton Duschgel
herunterzuheben und beim Herunterbalancieren der schweren Schachtel unten im
Gang Georg mit seiner Rita vorbeigehen zu sehen, das war schon eine heftige
Sache, nicht nur für meinen Kreislauf. Und dann hat er doch echt gefragt, ob er
mir helfen soll. Also Georg wegen dem Karton. „Geht schon“, habe ich gesagt und
bin irgendwie von der letzten Sprosse gestolpert. „Schön dich wieder einmal zu
sehen“, hat er dann auch noch gesagt. Ich musste aber gleich in die Pause gehen. „Tut
mir leid, vielleicht trifft man sich ja mal wieder.“ Ein Horror war das, aber
auch der ist vorübergegangen und dann ist eh der gekommen, den ich bald drauf geheiratet
habe. Er hat mich in das Haus seiner Großmutter mitgenommen und mir dort eine
neue Küche gekauft. Das Schlafzimmer hat er schon eingerichtet gehabt. Das war
das Erste, als er das Haus übernommen hat. Auf das französische Bett war er besonders
stolz. Die Küche war aus hellem Holz und hatte vielen Laden, ganz wie ich es
gewollt hatte.
Zur Hochzeit sind
meine ganzen Volksschulfreundinnen gekommen, auch Ina. Und ich habe ihr den
Brautstrauß zugeworfen, obwohl ich eigentlich böse mit ihr war, weil sie Georg Rita
und Rita Georg verziehen hatte, obwohl er mich für sie sitzen gelassen hat. Aber
da war ja Annabelle schon auf der Welt. Ich hatte sie schon ein, zwei Mal am
Arm gehalten und dieses kleine Lebensding hat mich jedes Mal mit großen Augen
angeschaut, als ob wir einander schon ewig kennen würden. „Die steht dir“, hat
Inas Mutter gesagt. „Besser als der Ina!“ Und Ina hat die Augen verdreht. Ich
glaube, dass ich sie deshalb zur Hochzeit eingeladen habe, obwohl mein Vater
schwer dagegen gewesen ist („Keiner von diesen Ebenbauerfiguren braucht auf unserer
Hochzeit sein!“). Deswegen habe ich ihr dann auch noch den Brautstrauß zugeworfen.
Wegen ihrer Mutter. Und wegen meinem Vater. Der ist die ganze Hochzeit über wie
angewachsen auf seinem Sessel gesessen und hat einfach ignoriert, dass er sich
auf meiner Hochzeit befindet. Der Pfarrer, der Bürgermeister, der Michel Körber
vom Malereibetrieb und noch ein paar andere haben sich bei ihm eingefunden, großes
Palaver, das hat fast ausgeschaut wie eine Gemeinderatssitzung. Meine Mutter
ist wie ein Hendl herumgerannt, als ob sie so verhindern könnte, dass sich die
Leute das Maul zerreißen werden. „Das werden sie sowieso“, habe ich gesagt. „Nein,
das tun sie eh schon die ganze Zeit. Das tun sie doch immer.“

Wie das Leben so spielt, nicht immer ganz fair...
AntwortenLöschenJa, so ist und war das mit den Verschiebungen, Verbandelungen und den verpassten Chancen.
Toll in Worte gefasst!
Lieben Gruss,
Brigitte
"Verbandelungen" ... ja, das trifft es sehr genau, was ich - nicht nur in diesem Ausschnitt - beschreiben möchte. Wobei mir genau das mittlerweile allerhand abverlangt, nämlich an "Nebentätigkeiten", weil ich ja diese ganzen Figuren und ihre Verbandelungen erzählerisch im Griff behalten muss. Alles miteinander ist das aber aufregend, spannend und jede Menge freude-bringend. :)
LöschenLiebe Grüße, Andrea