Im Büro ist alles lahmgelegt. Ein Hackerangriff. Der junge Kerl, dieser Leon Profaller, entschuldigt sich, dass er mich im Urlaub gestört hat, aber er muss mich unbedingt ein paar Sachen fragen, weil sonst gar nichts mehr weitergeht mit dem Projekt. Das mir doch sicher auch am Herzen läge. Schließlich bin ich doch eine Frau. Wahrscheinlich sind das die Russen. Das Internet ginge jetzt auch oft so langsam. Ich hätte ja eh schon so viel Vorarbeit geleistet. Vorarbeit? Es sei ja auch ein wirklich wichtiges Projekt. Eine so umfassende Aufgabenstellung. Spannend. „Ja sicher, ich komme heute eh ins Büro.“ Vorarbeit? Bin ich bereits abgelegt, ohne es zu wissen? Unter Diversity? Wegen dem Alter? Anders als der Profaller und anders als die neue Führungsmannschaft bin ich ja. Nämlich fünfundzwanzig Jahre älter. Mir fällt ein, dass ich in ein paar Monaten Geburtstag habe. Den Dreiundfünfzigsten. Einer der Übergangsgeburtstage ist das, erst am Fünfundfünfzigsten ist die zweite Halbzeit vorbei. Werde ich hundert oder danke ich ab. Auf Wiedersehen, es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut, aber die Russen haben mir das Gas abgedreht und das Internet zerschossen und die Chinesen haben mir einen Krebs in die Brust gepflanzt. Oder waren es die Amerikaner oder war es Tschernobyl mit seinen tödlichen Strahlen bis heute oder war es die Genetik, in der das Schicksal schon bestimmt war, bevor ich noch aus dem Körper meiner Mutter gezogen worden bin. „Die Zappletal ist auch wieder im Büro“, sagt der Profaller. Er wird sich mit ihr und mir zusammensetzen, wir werden das ganze Projekt endgültig aufsetzen. Auf Schiene bringen, finalisieren.
Der Wind hat sich
gedreht, denke ich, als wir im Besprechungsraum beisammensitzen. Neben dem
Profaller sitzt eines der beiden Mädels, sie ist offensichtlich vom Empfang zur
Assistentin aufgestiegen. Der junge Kerl hat eindeutig die Zügel in der Hand, locker,
cool, lässig (sogar die Zappletal wirkt neben ihm altbacken), aber maximal bestimmt.
Ich will gar nicht drüber nachdenken, wie ich neben ihm aussehe. Um mich von
diesem unangenehmen Gedanken abzulenken, überlege ich, ob der Profaller als
woke durchgeht. Weil er zwar gendert, was das Zeug hält, außerdem hat er mich
(aber auch die Zappletal) schon mehrfach unterbrochen, weil wir uns unsensibel (im
besten Fall unsensibel!) ausgedrückt hatten, weil er aber gleichzeitig einen
Ton an den Tag legt, der keinen Widerspruch duldet. Wie ein Schwert, ein freundliches
Schwert, aber ein Schwert. Und wenn es freundlich nicht geht, dann geht es auch
anders. Ich kenne solche Männer von früher. (‚Machatscheks‘ hat sie mein Vater
genannt. Und dass es die überall gibt. In der Politik, in der Wirtschaft, bei
den Ärzten, bei den Anwälten, auch bei den Künstlern.) Aber dieses Profallerbürschchen!
Wahrscheinlich ist er sogar noch jünger als Annabelle! Und dann noch der
nachsichtige Blick, mit dem er mich bedacht hat, als mir schließlich doch
einmal ein Widerspruch ausgekommen ist („So geht das jetzt aber auch nicht, wie
du das sagst!“). Von einem Moment auf den anderen: volles Alteisen-Feeling und
schlagartig weiß ich: Hätte ich nicht gekündigt, wäre ich gekündigt worden. Wie
der Oswald. Und die Zappletal ist die nächste. Sie scheint das auch zu ahnen,
so wie sie dasitzt. Als ob sie gleich ihre Nagelfeile auspacken und sich die
Nägel feilen würde wie die Mädels am Empfang, wenn sie in der Mittagspause miteinander
tratschen. „Burschi, du erklärst mir ganz sicher nicht, wie man so eine
Kampagne aufsetzt, und schon gar nicht erklärst du mir was über die Kraft der
Frauen!“, möchte ich sagen. Ich würde auch gern sagen, dass das Burschi sich um
sein eigenes Empowerment kümmern soll, aber um ehrlich zu sein: das Burschi
würde eher ein Entpowerment brauchen. Im Gegensatz zu dem Mädel, das neben ihm
sitzt und ihn anhimmelt. Dann aber denke ich mir, dass sie da selber durch muss.
Ja, jede(r) hat das Recht, eigene Erfahrungen zu machen ;)
AntwortenLöschenHerzliche Grüße zum Wochenbeginn.
Ja, da bin ich ganz deiner Meinung! :)
LöschenLiebe Grüße, Andrea