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La Petite Mort

Bei manchen hängen Kinderschuhe am Innenspiegel, bei anderen ein Duftbaum. Bei Ina hängt dort ein wackelnder Elvis und bei mir einer von Annabelles Zwergen. Besser gesagt hat er sich dort eine Schaukel befestigt, auf der er sitzt und vergnügt mit den Beinen baumelt. „Ganz schön früh“, sagt er zu mir. „Ja“, sage ich. „Es war einfach nicht mehr auszuhalten. Zu stickig.“ Der Regen hat zwar ein wenig Abkühlung gebracht, aber es ist unerträglich heiß geblieben. Überraschenderweise habe ich trotzdem etwas Schönes geträumt oder habe ich mich erinnert? „Lauter Einser“, habe ich gerufen und mein Zeugnis geschwenkt. Ich habe einen knielangen, blau gemusterten Rock und eine weiße, bis zum Hals zugeknöpfte Bluse getragen, meine Kniestrümpfe sind fest und ohne eine Falte bis unters Knie gezogen gewesen, die braunen Halbschuhe haben geglänzt. Ich hatte blonde Locken und blaue Augen, meine Arme waren ausgebreitet und meine Füße sind den Eltern entgegengelaufen, die mich, auch sie mit geöffneten Armen, schon erwartet haben. „Lauter Einser!“, habe ich ihnen schon aus der Ferne entgegengerufen. Hinter mir laufen viele andere Kinder die paar Stufen zum Platz vor der Schule herunter, sie sind genauso glücklich wie ich. Okay, es war ein Traum. Schaut aus, als ob ihn sich mein erstes Lesebuch ausgedacht hätte. Wo die Mädchen noch blond und lockig und blauäugig gewesen sind wie die Ebenbauerfamilie. Und Kniestrümpfe getragen haben, die nicht ständig zu den Knöcheln hinunter gerutscht sind. Annabells Zwerg, es ist der Siebte, nickt. „Ich bin schon um vier aufgewacht und hab‘ dann einfach nicht mehr einschlafen können“, sage ich. „Verstehe“, sagt der Zwerg und holt Schwung. „Bevor die Sonne aufgeht, ist es am kältesten“, erinnere ich mich. Das hat mir mein Vater erklärt, weil er auch im Sommer den dicken Pullover bei der Jagd dabeigehabt hat. „Mein Vater hat die Jagd geliebt!“, sage ich und der Zwerg, ein wenig atemlos, weil er erneut Schwung holt: „Verstehe.“ Es ist früh am Morgen, mein Vater, wie er die Heckklappe öffnet und mir das geschossene Reh zeigt. Es liegt ganz friedlich da. Gemeinsam mit der Mutter trägt er es in die Küche, da wird es aufgebrochen. „Die Jagd war seine Leidenschaft“, sage ich und der Zwerg, mit der Schaukel gerade am höchsten, dem toten Punkt angekommen (la petite mort, wo alles, also wirklich alles aussetzt, wo der Atem eine Millisekunde lang mitsamt dem ganzen restlichen Leben direkt vor dem Gesicht in der Luft stehen bleibt, als ob er sich – gemeinsam mit mir – kurz aus dem Leben verabschiedet hätte), der Zwerg sagt: „Verstehe.“ „Verstehst du einfach alles?“, sage ich. „Ja“, sagt Annabells Zwerg. „Das ist meine Aufgabe.“    

 



Kommentare

  1. Schön, so ein Zwerg, der einfach alles versteht.
    Das mit der Jagd ist für mich eine völlig fremde Welt. (Weil niemand in der Familie damit zu tun hatte. Nur ein paar Hühner oder Kaninchen wurden in meiner Kindheit auf dem Spaltbock "hingerichtet"...)
    Einen lieben Gruss in den Sommertag,
    Brigitte

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    1. Ich habe zum Thema Jagd auch nur einige wenige Beobachtungen und Gespräche, aus denen ich da geschöpft habe. (Ist auch was Spannnendes, was sich da so alles zusammenfindet beim Schreiben! )
      Liebe Grüße, Andrea

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  2. die jagd im sinne einer hege kann ich verstehen wie der zwerg. nicht verstehen kann ich, wie tiere behandelt werden, die menschen später essen wollen. wildtiere leben in freiheit, stalltiere sind ihr ganzes trauriges leben eingesperrt. wir essen gerne wild und verzichten seit vielen jahren u.a. auf putenfleisch, weil wir keinen demeterbetrieb dafür finden. lieben gruß, roswitha

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