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Wieder mal eine Rückblende (Ausschnitt)

Es ist immer noch mein Jugendzimmer, es ist immer noch mein Jugendzimmerbett und vor dem Fenster steht immer noch der Jungendzimmerschreibtisch, an dem ich gelernt und meine Hausübungen gemacht habe. Wo ich aber viel lieber aus dem Fenster in den Obstgarten hinuntergeschaut habe, als ob ich dort Antworten finden könnte. Oder Auswege. Unten klappert meine Mutter, es riecht schon nach dem Mittagessen. Es wird Hirsch geben, den hat der Edi geschossen, erinnerst dich noch, ja, ich erinnere mich. Mit dem ist der Vater jagen gegangen. Ja, ich erinnere mich. Ich habe ihm gern zugehört, wenn er erzählt hat, dass der Wald so zeitig in der Früh ganz anders ist als unterm Tag. Wie verwunschen. Das Scheppern in der Küche wird lauter, sie deckt schon den Tisch. Ich sollte endlich aufstehen. Es ist gleich Mittag, gleich wird die Sirene losheulen wie an jedem Samstag um Punkt zwölf. Da wird der Ernstfall geübt. Geübt? Ich denke an den Heinrich, der sich aufgehängt hat, und die Tochter von der Wasneri...

Annabelle

(Schreiberisch ist das spannend, weil ich als die, die Geschichte erfindet, hier einiges mehr weiß als das Ich, das die Geschichte erzählt. :)  Ich weiß nicht, warum die Eltern von Ina (wo Annabelle aufgewachsen ist, weil Ina einfach zu unstet war, immer wieder wo anders wohnte oder soll ich sagen: bei wem anderen wohnte) schon das Baby „unser kleines Kuckuckskind“ genannt haben. Ob Ina damit angefangen hatte? Oder ihre Mutter? Der Vater sicher nicht, der war mit seinen Gedanken immer wo anders. Bekifft in den Wolken oder mit irgendeinem Werkzeug in der Hand bei seinen Steinblöcken. Böse haben sie das nicht gemeint, in der Ebenbauerwelt war es eher eine Ehre, ein Kuckuckskind zu sein, glaube ich. Und Annabelle hat doch auch perfekt in diesen Haushalt gepasst mit ihren ganzen Zeichnungen und Bildern und Ideen. Und sie hat ja auch dieselben wasserblauen Augen wie Ina und Georg. Aus der Art geschlagen ist doch vielmehr Georg: ein Politikwissenschaftsstudium und dann politischer Analys...

Gottfried

 Gottfried ruft an, obwohl es noch nicht einmal sechs Uhr ist. Normalerweise wartet er bis zum späteren Abend, wahrscheinlich weil er sich da bessere Chancen ausrechnet. Bessere Chancen worauf? Warum denkt er, dass wir uns unbedingt kennenlernen müssen, nur weil wir ein paar Mal miteinander telefoniert haben. Also richtig telefoniert haben. Wo wir uns ein paar richtige Sachen erzählt haben, solche, die es wert sind, erzählt zu werden. Das war aber nur ganz am Anfang so, als ich unbedingt einen Neuen haben wollte. Wirklich haben wollte. Da war das schon okay, da war er schon okay, aber dann muss man so einen halt auch wieder loswerden. Weil auf einen Gottfried kann ich verzichten. Aber echt. Der ist mir zu öde. Ein Insolvenzverwalter. Also bitte. Da hätte ich ja gleich in meinem Kaff bleiben können. Trotzdem nehme ich den Anruf an. Seine Beharrlichkeit nervt, aber irgendwie imponiert sie mir auch. ‚Steter Tropfen höhlt den Stein‘, denke ich. (Welchen Stein?) „Ja?“, frage ich möglich...

Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?

Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten? Wer hat in meinem Bettchen gelegen? Am Anfang war es ein komisches Gefühl, an meinem Haus vorbeizugehen und zu wissen, dass da jetzt eine andere Frau mit dem Mann wohnt, den ich geheiratet hatte. Ob sich viel verändert hat seit meiner Zeit? Sicher. Sogar ganz sicher gab es nichts mehr in diesem Haus, das an mich erinnerte. Wie es ja auch bald nichts mehr gab, das an die Großmutter erinnerte, nachdem ich dort eingezogen war. Die Sachen sterben einem einfach hinterher. Auch okay, denke ich heute, denn was soll der ganze Kram der Gestorbenen mitten im Leben. Und Leben hatte sich der Mann, den ich geheiratet hatte, besorgt, gleich vier Mal, zwei Mädchen und zwei Buben hat ihm seine neue Frau auf die Welt gebracht. Zwei im Jahrestakt, zwei als Nachzügler. Für die Balance. Nebst seinem Leben hat ihm das auch den Ruf gerettet, die Dorfjugend wird gar nicht mehr nachgekommen sein, ihm den Plastikstorch und die ü...

Wieder mal was aus der Vergangenheit der Ich-Erzählerin

Aufstehen und dann sollte alles anders sein. Ich ging also hinüber zum Spar und fragte, ob ich anfangen könne. Am besten gleich morgen. Meinem Vater hat es die Rede verschlagen und von meiner Mutter bekam ich die letzte Ohrfeige meines Lebens. Von meiner verkrachten Existenz war die Rede und wofür sie das alles getan hätte. Ihr Leben lang. Alles habe sie für mich getan, ihr Leben lang habe sie einfach alles für mich getan. Alles. Das sagte sie so oft, dass sich in mir die Vermutung auftat, dass auch sie irgendein Geheimnis mit meinem Vater hatte. Ich schaute zu ihm, aber er verzog keine Miene. Er stand wie bei der Eröffnung meiner Spar-Pläne einfach nur da und schüttelte den Kopf. „Du bist ja vollkommen blödsinnig geworden“, sagte er schließlich, drehte sich um und ging in die Ordination. Im Gegensatz zu meiner Mutter ahnte er wohl, dass alles, angefangen von meiner einjährigen völligen Untätigkeit bis zu dem Entschluss nicht zu studieren, sondern beim Spar anzufangen, mit Georg zu tun...

Hermann holt aus

Hermann holt aus: die Hintergründe des Kriegs in der Ukraine, Amerika, die Hintergründe der Balkankriege in den Neunzigern. Die Wurzeln im ersten Weltkrieg. Ich erinnere mich plötzlich, dass Hermann auch früher schon ausgeholt hat und das nicht nur ein Mal. Zumindest hat mir das Ina erzählt, als sich seine Frau eines Tages von ihm getrennt hat. Wobei ich mir das gar nicht vorstellen kann – also das mit dem So-Richtig-Ausholen –, weil Hermann doch eh so ein Harmloser ist. Einer, der redet und nicht zuschlägt. Während er vom Hundertsten ins Tausendste kommt, stelle ich mir vor, wie er zuhaut. ‚Vom hundertsten zum tausendsten Schlag‘, denke ich. Seine Frau hätte das eh lang mitgemacht, weil er sonst ja einer von den Guten gewesen ist und sie sich doch auch so viel aufgebaut hatten. Ein ganzes Haus! Und weil er sich – wie man das ja schon oft gehört hat  – auch jedes Mal entschuldigt hätte, zerknirscht und voller Scham. Ina wusste das alles bis ins letzte Detail, weil sie mit seiner Fr...

Pfingstsonntag

 Von einem orkanartigen Sturm angekündigt und begleitet hat sich in der Nacht über Wien ein Gewitter entladen, das sich echt mehr als gewaschen hat. Zwei Fenster hat es mir aufgedrückt und der Regen hat mir das Wohnzimmer unter Wasser gesetzt: mitten in der Nacht den Boden aufwischen, sich beeilen, damit das Parkett keinen Schaden nimmt, dann bemerken, dass sich der Teppich vollgesogen hat. Den Teppich ins Bad schleppen (Wie schwer so ein Wasser ist, wenn es im Flor festsitzt!), über die Badewanne hängen. Immer wieder durch die Wohnung laufen, ob eh alle Fenster geschlossen sind. An Kugelblitze denken und dass sie einfach so hereingerollt kommen können, während die grellen Gewitterzacken am Nachthimmel stehen. Und wenn das jetzt der Krieg wäre, wenn es heute Nacht den Krieg in mein Wohnzimmer geweht hätte, wenn er mir die Fenster aufgedrückt und mit lautem Kriegsgeschrei in meine Wohnung gestürmt wäre. Und in die Wohnung unter mir und in die über mir. Und neben mir. Und am Himmel s...